Betrunken von der Leiter gestürzt.
So passierte es einem irischen Baumeister. Als er unten aufschlug war er mausetot. Zumindest dachten das alle Bekannten. Man traf sich zum feuchtfröhlichen Begräbnis und durch Zufall — im Gerangel — zerbarst eine Flasche Whiskey am Totenbett und schenkte dem verstorben Geglaubten neues Leben. Sein Name war Tim Finnegan. Zumindest wenn man der irischen Ballade »Finnegan’s Wake« glauben schenken mag, die James Joyce letztem und gleichnamigem Roman den Titel schenkte.
Diesen Roman las Jürgen Weltin vor circa 13 Jahren, als er an seiner Diplomarbeit âÄ“ einer serifenlose Linear-Antiqua, einer Schrift âÄ“ arbeitete. Ähnlich der im Lied erzählten Geschichte, handelt das Buch über die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens. Geschrieben in einer ungewöhnlichen, eigenwilligen Sprache, die Joyce erfindet indem er englische Wörter neu zusammenfügt, umbaut, trennt, oder auch mit Wörtern aus Dutzenden anderen Sprachen mischt. Auch wenn wir noch nicht das Vergnügen hatten »Finnegan’s Wake« zu lesen (oder es zumindest zu probieren), so kann man doch erahnen, warum Jürgen Weltin sich entschloss seiner Diplomschrift eben diesen Namen zu geben:
Obwohl die Finnegan, als Groteskschrift, sehr schnörkellos daherkommt kann man in ihr doch eine gewisse Ungewöhnlichkeit erkennen. So findet man Versatzstücke von Renaissance-Antiqua-Schriften. Sie wirken wie Überbleibsel von Federzügen und geben der Schrift eine menschliche Note, die uns sehr imponiert hat. Unsere Wortmarke besteht aus sehr gradlinigen und konstruierten Formen, deshalb wollten wir dieser im Mengentext einen Antagonisten entgegenstellen, der zwar modern, aber nicht genauso technisch ist. Von Anfang an spielte natürlich auch die Funktion eine Rolle: Die Lesbarkeit. Nach einiger Recherche im Netz sind wir auf die Finnegan gestoßen. Für uns beide ein unbeschriebenes Blatt, dennoch auf den ersten Blick ein Kaliber, das unseren (gehobenen) Anforderungen entsprach. Wir nahmen kurz entschlossen Kontakt mit Jürgen Weltin (type matters) auf.

Nach einer wirklichen sehr netten und interessanten Skype-Konferenz hat er sich bereit erklärt uns seine Schrift für das Diplom zur Verfügung zu stellen. Wir sprachen (natürlich) über Typographie, erfuhren viel Wissenswertes über seine Arbeit als Schriftentwerfer und wie die Finnegan entstand. Weltin studierte an der FH Würzburg-Schweinfurt-Aschaffenburg. Ähnlich, wie bei uns an der Ruhrakademie âÄ“ so eröffnete er uns âÄ“ war es dort nicht weit her mit Typographiesemestern. Sein Funke sprang über, als er âÄ“ durch eine Gastdozentur âÄ“ mehr über das Schriftentwerfen erfuhr. Das dieser Funke inzwischen ein loderndes Feuer ist, bemerkt man bei seinen Erzählungen und findet es wieder in seinen Schriften. Die Finnegan von Jürgen Weltin 1997, ist eine moderne, an eine humanistische Renaissance-Antiqua angelehnte Textschrift. Ihre spannungsvolle Linienführung und ihre harmonischen Proportionen machen sie zu einer angenehm und sehr gut lesbaren Schrift. Durch ihre Anmutung eignet sie sich besonders dafür, zum Lesen längerer Texte einzuladen.
Jürgen Weltin:Â Grafikdesigner und Schriftentwerfer
» studierte Kommunikationsdesign in Würzburg und Bournemouth & Poole, England
» Drei Jahre Mitarbeiter bei Stankowski + Duschek, Stuttgart
» arbeitete von 1997 bis 1998 als Schriftentwerfer bei The Foundry in London
» Entwerfer der Schriften: Linotype Finnegan, der Yellow und der Agilita
» ATypI-Mitglied – Association Typographique Internationale
» 2001 Auszeichnung für die Finnegan und Yellow bei bukva:raz!
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Jürgen Weltin!Â





Jetzt ist das so eine nette Geschichte und sie ist noch immer nicht kommentiert worden…
Comment by Ännchen | 4. June 2008 um 14:51